Ingolf Dahl

Ingolf Dahl
Ingolf Dahl (6.9.1912 Hamburg – 7.8.1970 Fruitingen/Bern)
Quelle: Familie Marcus

Nachlese: Flucht ins Ungewisse – Videos

Die Videos wurden auf der beeindruckenden Ausstellung „Flucht ins Ungewisse“ im Herbst in der Rathausdiele präsentiert. Diese Ausstellung zeigte die Biographien von 22 Hamburger Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur, die vor den Nationalsozialisten ins Exil flüchten mussten.

Gert Marcus, Ausstellung 30 Jahre Weichmann-Stiftung

Ingolf Dahl, Ausstellung 30 Jahre Weichmann-Stiftung

Nachlese: Lost and Found – Ein kammermusikalisches Gesprächskonzert

In einem häufig zitierten Wahlspruch der Initiative Marcus und Dahl e.V. heißt es: „Künstlerinnen und Künstler können einen Stadtteil beleben, begeistern, provozieren, zu Diskussionen anregen und Bewusstsein schaffen“.
Was am Montagabend, 18.11.19 im Stavenhagenhaus zu hören und zu sehen war, bestätigte voll und ganz diese Erkenntnis. Einzig die Provokation fehlte – und wurde natürlich auch nicht vermisst.

Jens Hüttmann, stellvertretender Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, die neben der Herbert und Elsbeth Weichmann Stiftung und dem Bezirksamt Nord Hauptförderer des Konzertes war, sprach in seinem Grußwort von der Notwendigkeit, gerade in der heutigen Zeit, die in Europa stark von der Diskussion geprägt sei, Menschen aus anderen Ländern nicht ihrem Schicksal zu überlassen, sondern Exil zu bieten, die Erinnerungskultur zu stärken. Dafür sei historische Bildung besonders wichtig und die Erinnerung an die Exilierten und Ermordeten von großer Bedeutung.

Anlässlich des 100. Geburtstages des niederländischen Komponisten und Musikers Dick Kattenburg, der mit nur 24 Jahren 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordet wurde, kamen 7 seiner Kompositionen zur Aufführung, die teilweise erst vor wenigen Jahren von seiner Nichte, Joyce Bergmann-van Hessen, auf dem Dachboden ihres Elternhauses gefunden worden waren. Und diese Musik und ihre Interpreten konnten begeistern: Ob es die „Deux Valses à la Ravel“ waren, die „Flirtations“ oder die „Sonate for fluit en piano, Op. 5“, das Groß Borsteler Klavierduo Friederike Haufe und Volker Ahmels und die Flötistin Eleonore Pameijer erweckten die Musik Kattenburgs zum Leben, eine Musik mit vielen jazzigen Elementen und Anspielungen, modern, beschwingt und gut anzuhören. Nur etwa 30 Kompositionen von Kattenburg sind überliefert, aber bis auf eine wurden sie zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt. Bevor Dick Kattenburgs Karriere beginnen konnte, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft während einer Razzia in einem Kino verhaftet und kurze Zeit darauf ermordet. Mit großem Interesse und Anteilnahme verfolgten die Zuhörer und Zuhörerinnen das Gespräch mit Joyce Bergmann-van Hessen und der Flötistin Eleonore Pameijer und erfuhren, wie eine damalige Bekannte von Dick Kattenburg, die den Holocaust überlebt hatte, reagierte, als sie vor etwa 10 Jahren die Sonate für Flöte und Piano zum ersten Mal hörte und ihr gewahr wurde, dass diese Sonate als musikalischer Liebesbrief gemeint war. Eleonore Pameijer hat in Holland die „Leo Smit Stiftung“ gegründet. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, verfemte und verbotene Musik wieder hörbar zu machen, und den verfolgten, ermordeten oder ins Exil gegangenen Musikern und Komponisten ihren Platz in der Geschichte zurückzugeben. Damit verfolgt die Stiftung die gleichen Ziele wie das Zentrum für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, das von Volker Ahmels geleitet wird.

In wunderbarer Ergänzung zur Musik Kattenburgs kamen drei Werke von Ingolf Dahl zur Aufführung, darunter zum ersten Mal in Hamburg die „Serenade for Four Flutes“ aus dem Jahr 1960. Neben Eleonore Pameijer spielten die Flötistinnen Wiebke Bohnsack, Ulrike Beißenhirtz und Lucia Höhmann mit viel Freude am Spiel, Präzision und Hingabe und mit einem kleinen Augenzwinkern, denn diese Serenade entstand in einer Phase, als Ingolf Dahl eigentlich mit der Komposition einer Kammersinfonie beschäftigt war, die ihm aber nicht so leicht auf das Notenblatt kam.
Die beiden anderen Werke Dahls waren Stücke für vierhändiges Piano, die von Volker Ahmels und Friederike Haufe interpretiert wurden. Hohe Perfektion und große Empathie für den Komponisten und die Musik, die sie interpretieren, kennzeichnen ihre Spielweise. Auch hier gab es eine Hamburger Erstaufführung, die mit einer interessanten Anekdote eingeleitet wurde: Das „Rondo für vier Hände“ hat Dahl 1938, damals noch in Zürich, unter dem Namen Ingolf Marcus begonnen und erst 1939 im amerikanischen Exil unter dem Namen Ingolf Dahl zu Ende geschrieben. In Amerika nahm er den Namen seiner schwedischen Mutter an und verweigerte fortan die Verwendung der deutschen Sprache.

Zum Schluss dieses an besonderen Momenten überaus reichen Konzertes gab es einen weiteren Höhepunkt: Das Klavierstück für vier Hände „Tap Dance – Stepptanz“ aus dem Jahr 1936 von Dick Kattenburg wurde von dem Musiker und Tänzer Tonio Geugelin live auf der kleinen improvisierten Bühne vor dem Piano getanzt. Ein fröhliches und furios getanztes Finale! Der Applaus für alle Künstler, Künstlerinnen und Mitwirkenden war lang anhaltend und verdient.

Wolf Lüders

Flucht ins Ungewisse

Dr. Nölke bedankt sich bei Susanne Wittek für die gelungene Gestaltung der Ausstellung
Dr. Nölke bedankt sich bei Susanne Wittek für die gelungene Gestaltung der Ausstellung
Dr. Nölke bedankt sich bei Susanne Wittek für die gelungene Gestaltung der Ausstellung
Fotos: Claudia Höhne

Eine großartige Ausstellung ist seit Montag, 11.11.2019, im Hamburger Rathaus zu sehen: Unter dem Titel „Flucht ins Ungewisse“ werden 22 Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik portraitiert, die während des Nationalsozialismus aus Hamburg ins Exil fliehen mussten. 22 Biographien, die stellvertretend für die Biographien von bis zu 10.000 Männern, Frauen und Kindern stehen, die zwischen 1933 und 1945 ins Ausland flüchten mussten.

Für uns in Groß Borstel ist von besonderer Bedeutung, dass auch die Lebenswege der beiden Künstler Gert Marcus und Ingolf Dahl nachgezeichnet werden. Der Bildhauer und Maler Gert Marcus (1914 – 2008) stammte wie sein Bruder, der Komponist Ingolf Dahl (1912 – 1970), aus einer gebildeten Familie des jüdischen Bürgertums in Groß Borstel. Gert Marcus musste seine Ausbildung an der Lichtwarkschule 1933 abbrechen und emigrierte ins Heimatland seiner Mutter, nach Schweden. Ingolf Dahl verließ Hamburg aus gesundheitlichen Gründen und um dem Antisemitismus in Deutschland auszuweichen schon 1932 und ging nach Zürich, bevor er 1939 in die USA emigrierte. Das Leben und Schaffen beider Künstler wird seit 2015 von der Initiative Marcus und Dahl e.V. aus dem Vergessen hervorgeholt; insofern ist es ein erfreulicher Erfolg unserer bisherigen Arbeit, dass ihr Wirken jetzt an so prominenter Stelle gewürdigt wird.

Die Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, Carola Veit, erinnerte in ihrer Eröffnungsrede für die Ausstellung „an das Schicksal und Wirken der Menschen, die während der NS-Zeit aus ihrer Heimatstadt Hamburg fliehen mussten. Ihre ganz persönlichen Geschichten halten die Mahnung wach, dass unsere historische Verantwortung nicht abläuft, sondern immer währt (…) Angesichts der vielen Menschen, die auch heute in unserer Stadt im Exil leben, weil sie vor Hunger, Verfolgung und Krieg geflohen sind, ist die Ausstellung eine Aufforderung, Hass und Intoleranz etwas entgegenzustellen, nämlich Solidarität, Empathie und Demokratie.“
Die Rede ist nachzulesen unter: https://www.hamburgische-buergerschaft.de/nachrichten/13195180/exil-ausstellung/.

Die Ausstellung im Erdgeschoss des Rathauses ist als Kooperationsprojekt von der Körber-Stiftung, der Hamburger Bürgerschaft und der „Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung“ entstanden, die damit ihr 30-jähriges Bestehen feiert.

Ich kann einen Besuch dieser Ausstellung sehr empfehlen, allerdings ist etwas Eile geboten: Die Ausstellung in der Rathausdiele ist nur bis zum 26. November zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 7 bis 19 Uhr, Sonnabend: 10 bis 18 Uhr, Sonntag: 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Wolf Lüders


Plakat Flucht ins Ungewisse

Weitere Informationen zur Ausstellung unter:
https://www.koerber-stiftung.de/exil und http://www.weichmann-stiftung.de/

Nachlese: Lesung Ingolf Dahl 13.5.2019

Die Klarinettistin Melina Paetzold hat ihr im April 2019 erschienenes Buch „Ingolf Dahl – Biografie eines musikalischen Wanderers“ im Stavenhagenhaus vorgestellt. Die Autorin hat aufwändig recherchiert und lässt den Leser miterleben, was es bedeutet, als politisch Verfolgter seine Heimat zu verlassen, ja sogar seine deutsche Abstammung zu verheimlichen, um in der Fremde eine neue Zuflucht zu finden.

Nachlese Lesung Ingolf Dahl 13.5.2019

In Zusammenarbeit mit Volker Ahmels und der Hochschule für Musik und Theater Rostock wurde Anfang 2018 die CD „Intervals“ mit Werken von Ingolf Dahl produziert

CD Cover Intervals
MKH Medienkontor Hamburg LC 10129,
ISMN 979-0-700167-50-9, B-Nr. MKH 171111, Preis 14,80 €

Der Komponist, Dirigent und Pianist Ingolf Dahl (1912–1970) floh auf Grund seiner jüdischen Abstammung und der damit gegebenen Bedrohung durch die Nationalsozialisten zunächst in die Schweiz, wo er am Stadttheater Zürich zum Assistenzdirigenten avancierte, 1939 dann weiter in die USA nach Los Angeles.

Regelmäßig konzertierte er als Pianist und Dirigent, war Lehrer an der University of Southern California (USC) sowie am Berkshire Music Center in Tanglewood. Er war Assistent Igor Strawinskys, übersetzte Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ und spielte Kammermusik mit Benny Goodman. Auch seine Kompositionen erlangten große Anerkennung.

„Herrn Dahls Tonsprache ist natürlich, prägnant, kompakt und vollständig zeitgenössisch, aber nie harte oder selbstbewusste Avantgarde. Er löst die Probleme eines modernen Komponisten brillant, ohne sich untreu zu werden und schreibt nur die Noten, die ihm für seine Zwecke dienen und keine aus Modegründen“, so der bekannte Musikkritiker und Komponist Walter Arlen.

„Die auf dieser CD ausgewählten interpretierte Kammermusik sowie die „Sonata Pastorale“ für Klavier solo sind alle in den USA entstanden. Dennoch umfassen sie drei der vier Kompositionsphasen seiner Schaffenszeit.

Dahl ging bei all seinen Werken von der Form des Stückes aus. Beim Skizzieren einer Komposition legte er zuerst den Charakter, die Proportionen und den groben formalen Aufbau fest. Er liebte es, traditionelle Formen neu zu interpretieren, indem er ganz unterschiedliche Elemente miteinander verschmolz.

Zu hören sind:

  • Concerto a Tre for Clarinet for Violin and Violoncello (1947),
  • Sonata Pastorale (für Klavier, 1959),
  • Four Intervals arranged for Piano Four-Hands (1967, rev. 1969),
  • Sonata da Camera for Clarinet and Piano (1967, rev.1970),
  • Five Duets for clarinets (1970).

Hörproben finden Sie unter:
https://www.medien-kontor-hamburg.de/cds/cd_ingolf_dahl.php

Weitere Informationen

Haufe, Fr./Ahmels, V.: „Ingolf Dahl. Komponist, Dirigent, Lehrer und Pianist“, in: Groß Borsteler Bote, 98.Jg., Mai 2016, S. 6ff.

Matthes-Walk, T.: Ingolf Dahl und Gert Marcus im Rahmen der „Tage des Exils“ im Stavenhagenhaus, in: Groß Borsteler Bote, 98.Jg., Juli/August 2016, S. 8ff.

o. V.: Aus dem Schatten ans Licht. „Zur Erinnerung an Ingolf Dahl“, in: Groß Borsteler Boten, 99.Jg., Januar 2017, S. 14f.

Matthes-Walk, T.: Aus dem Schatten ans Licht – Zur Erinnerung an Ingolf Dahl, in: Groß Borsteler Bote, 99.Jg., März 2017, S. 14f.

Nölke, H.-H.: „Der Ochse auf dem Dach und andere Verbote …“ -Jubiläumskonzert im Rahmen der diesjährigen Tage des Exils im Stavenhagenhaus, in: Groß Borsteler Bote, 99.Jg., September 2017, S. 17ff.